Das nützlichste Ergebnis einer berichteten KI-gestützten Entzifferung einer napoleonischen Depesche ist nicht die geglättete Übersetzung. Es sind Schlüssel, Transkription und Skript, mit denen andere den vorgeschlagenen französischen Text erneut erzeugen können. Aus einer beeindruckenden Antwort wird so eine überprüfbare Behauptung.

KI-Ingenieur Carter Church zufolge erledigte OpenAIs GPT-6 Astra die wesentliche Transkription und Entschlüsselung in etwa sechs Stunden Modelllaufzeit; er selbst investierte zusätzlich mehrere Abende. Das 217 Jahre alte Dokument ging vom Hauptquartier Eugène de Beauharnais’ an General Auguste de Marmont. Eugène war Napoleons Stiefsohn und Vizekönig von Italien, nicht dessen Neffe. Der Brief übermittelte Napoleons Befehle, wurde aber nicht von Napoleon selbst verfasst.

Ein bekannter Befehl liefert eine ungewöhnlich starke Kontrolle

Die erhaltene Reproduktion erschien 1969 in einer französischen militärhistorischen Zeitschrift. Mit 1.202 mal 1.836 Pixeln scheint sie das einzige öffentlich zugängliche Bild des vollständigen Chiffretexts zu sein. Auf einen lesbaren französischen Beginn an Marmont folgen 24 Zeilen aus Zahlen, normalen Buchstaben und ungewohnten handschriftlichen Zeichen. Wegen der schlechten Bildqualität gehört die Zeichenerkennung zum Problem; sie liefert keine bereits gesicherte Eingabe für den Löser.

Church datiert die Depesche auf Ende März 1809 und korrigiert damit die Katalogangabe 1807. Einleitung, Korrespondenz und militärische Lage stützen dies. Am 16. März hatte Napoleon Eugène angewiesen, Marmont verschlüsselt über sieben französische und verbündete Verbände zu informieren: Kommandeure, Standorte und gemeldete Stärke. Ein fähiger Offizier sollte den Brief überbringen. Die Rekonstruktion nennt die Verbände in derselben Reihenfolge.

Marmont befehligte französische Truppen in Dalmatien, getrennt von der Hauptarmee und bei einem österreichischen Angriff verwundbar. Die Nachricht sollte ihn beruhigen: Österreich stehe unter Druck aus mehreren Richtungen, und ein Marschbefehl dürfe ihn nicht einschüchtern. Die passende Lage ist ein Indiz; die Übereinstimmung mit einer konkret dokumentierten Truppenliste ist ein stärkerer Test als nur plausibles Militärfranzösisch.

Church veröffentlichte Lesart, technische Erklärung und Verifikationsmaterial. Satoshi Tomokiyo, Betreiber des historischen Chiffrenkatalogs Cryptiana, prüfte die Arbeit. Anschließend markierte der Katalog den Brief als gelöst und korrigierte das Datum auf 1809. Das ist relevante fachliche Kontrolle, keine breite akademische Begutachtung. Die Quelle bleibt eine unvollkommene Reproduktion; seltene Zeichen lassen weiterhin andere Lesarten zu.

Von unsicherer Handschrift zu einer mechanisch prüfbaren Lesart

Das Verfahren ist homophone Substitution: Mehrere Zeichen können denselben häufigen Buchstaben darstellen und einfache Häufigkeitsanalyse erschweren. Andere Zeichen stehen für ganze Wörter oder Funktionen. Die endgültige Rekonstruktion umfasst 1.300 Chiffreeinheiten und 155 verschiedene Zeichen. Das sind unterschiedliche Größen, keine konkurrierenden Schätzungen des Zeichenalphabets.

Ein vorhandener Teilschlüssel bot einen wichtigen Ansatz. Der französische Kryptologiehistoriker Daniel Tant hatte Werte für 33 Zeichen veröffentlicht, die 435 der 1.300 Einheiten abdecken. Die Beschreibung erwähnte Eugène und „General Grammont“, möglicherweise eine Verwechslung mit Marmont; die Verbindung zu dieser Seite war deshalb nicht gesichert. Church zufolge fand Astra die Tabelle während der Recherche und prüfte sie am Bild. Entscheidend war das Zusammenführen vorhandener Materialien, nicht ein Schlüssel ohne Anhaltspunkte.

Zunächst teilte das Modell die Seite in Zeilen und vergab vorläufige Kennzeichnungen: 1.320 Einheiten und 175 Symbolklassen. Unterschiede in Größe, Form, Tinte und Richtung konnten verschiedene Zeichen oder bloße Handschriftvarianten sein. Nach Prüfung und Zusammenführung blieben 1.300 Einheiten und 155 Zeichen. Ein Transkriptionsfehler konnte mehrere spätere Ableitungen verfälschen, weshalb die Rückkehr zum Bild wichtig war.

Das Verfahren fixierte Tants bekannte Werte und behielt einen kurzen lesbaren Abschnitt bei; zusammen deckten diese etwa ein Drittel der Einheiten ab. Für den Rest nutzte es Simulated Annealing, also wiederholte Änderungen von Schlüsselkandidaten auf der Suche nach besser bewertetem Klartext. Bewertet wurden französische Drei-, Vier- und Fünf-Buchstaben-Muster. Das war etablierte computergestützte Kryptoanalyse, wie sie HistoCrypt-Arbeiten beschreiben, innerhalb einer breiteren modellgeleiteten Untersuchung.

Schließlich wurden 29 Zeichen als Wortzeichen eingeordnet. „de“, „que“, „vous“ und „général“ konnten jeweils eine Einheit sein; andere Zeichen waren Nullzeichen, Satzzeichen oder Doppelbuchstaben. Nach Erreichen eines schlüssigen Texts wurden die Werte mit den Bildvorkommen abgeglichen. Veröffentlichte Transkription, Symbolverzeichnis, Schlüssel und Regenerationsskript machen die vorgeschlagene Lesart über alle 1.300 Einheiten ohne redaktionelle Korrekturen mechanisch reproduzierbar.

Konsistenz ist keine Gewissheit für jedes Wort. Fünf Zeichen bleiben relevant mehrdeutig: etwa „Seine Majestät“ gegenüber „der Kaiser“ und „die Armee von Friaul“ gegenüber „in Friaul“. Die militärische Kernaussage bleibt bestehen. Eine stabile Umwandlung der veröffentlichten Transkription ins veröffentlichte Französisch bestätigt aber nicht unabhängig jede Identifizierung der Handschrift.

Die Nachricht dokumentiert Überzeugung ebenso wie Aufstellung

Die Depesche nennt 40.000 Bayern unter dem Herzog von Danzig zwischen München und Passau, 30.000 Polen unter Fürst Józef Poniatowski an der Weichsel bei Krakau und die sächsische Armee vor Dresden. Sie meldet 80.000 Franzosen in Bayreuth, 60.000 im Raum Ulm und Donauwörth sowie 40.000 unter Nicolas Oudinot bei Augsburg und am Lech. Dies wiederholt den Befehl vom 16. März, nicht modern verifizierte Truppenstärken.

Zack White, Research Fellow an der University of Portsmouth, erklärte Live Science, Napoleon habe etwa 60.000 weniger verfügbare Soldaten gehabt, als die Nachricht nahelegt. Sie behauptet auch, russische Truppen marschierten gegen Österreich, obwohl andere Korrespondenz Napoleons Unsicherheit darüber zeigt. Korrekte Entschlüsselung kann eine ungenaue oder bewusst überzeugende militärische Erzählung wiedergeben.

Der Text spricht Österreichs Miliz wirksame Verstärkung ab und ergänzt österreichische Standorte, die im Befehl vom 16. März fehlen. Diese passen Berichten zufolge zur Lage und deuten auf relevante Informationen im Hauptquartier hin. Das Dokument zeigt somit, was ein isolierter Kommandeur glauben sollte, nicht nur ein neutrales Verzeichnis.

Eine wiedergewonnene Passage über wenige Truppen beziehungsweise einen zusammengewürfelten Haufen erklärt eine Lücke im gedruckten Befehl nach dem Gegenstück zu „eine Handvoll“. Da die Weiterleitung paraphrasiert, verdeutlicht sie den Sinn, ohne Napoleons verlorenen Wortlaut zu sichern. Historiker Michael Rowe vom King’s College London verglich den bekannten Befehl mit einem Rosetta-Stein und betonte, dass kein völlig unbekannter Plan enthüllt wird. Der Beitrag liegt im Vergleich zwischen ursprünglicher Weisung und tatsächlicher Übermittlung sowie im wiederverwendbaren 155-Zeichen-Schlüssel.

Günstigere Untersuchung automatisiert keine Verantwortung

Church sagt, er habe zuvor keine Chiffre gebrochen. Dies muss keine mathematische Verteidigung gewesen sein, an der Generationen konzentrierter Experten scheiterten. Scan, Teiltabelle, Korrespondenz und Marmonts Memoiren waren vorhanden. Dennoch musste jemand sie finden, Zeichen transkribieren, zeitgenössisches Französisch verstehen, einen Löser programmieren und den Kontext herstellen. Gemessen am unsicheren historischen Ertrag verlangte die vernachlässigte Aufgabe viel teure Fachaufmerksamkeit.

Ein allgemeines Modell, das Bildanalyse, Suche, Programmierung, Statistik und Interpretation koordiniert, erleichtert den ersten Untersuchungsversuch. Frühere neuronale Sprachmodelle halfen bereits bei Wörterbuchcodes des 18. Jahrhunderts, auch bei Briefen um den US-General James Wilkinson. Neu ist hier die berichtete Breite vom Bild zum Beweispaket. Zugleich beruht sie auf Tant, Tomokiyo, Digitalisierung und Generationen von Herausgebern, nicht auf einer von menschlicher Forschung losgelösten autonomen Entdeckung.

Die stärkste Kontrolle birgt selbst ein Risiko: Die bekannte Truppenliste kann den Löser zur erwarteten Sprache lenken. Churchs Materialien enthalten Berichten zufolge Wiederholungsläufe ohne napoleonische Vergleichstexte im Löserkorpus, um Entschlüsselung von der Wiederholung bekannter Dokumente zu unterscheiden. Einmalige Zeichen hängen weiterhin stärker von Grammatik und Kontext ab; unabhängige Prüfer müssen Bildbeleg und kontextuelle Folgerung trennen.

Die Anwendung auf einen weiteren verwandten Brief könnte seltene Zeichen prüfen und Unterschiede nach Adressat oder Datum zeigen. Ein separates Team, das Französisch aus Scan und Teiltabelle rekonstruiert, würde den Ablauf testen; Abweichungen auf Zeichenebene sagen mehr als identische englische Übersetzungen. Eine Chiffre ohne bekannten Parallelbefehl wäre ein härterer Generalisierungstest und anfälliger für plausible Erfindungen.

Church betonte gegenüber Live Science, Verifikation sei schwerer als Generierung und Verantwortung nicht einfach automatisierbar. Nachvollziehbare Bilder, dokumentierte Transkription, Unsicherheit, reproduzierbarer Code, unabhängige Aufzeichnungen und gescheiterte Hypothesen ermöglichen Urteil. Kommen Vorschläge schneller als Historiker und Katalogpfleger sie prüfen können, erzeugt billigeres Entschlüsseln einen Verifikationsrückstau. Die Chance besteht darin, mehr vernachlässigte Archive zu untersuchen und die Verantwortung für anerkanntes Wissen beim Menschen zu behalten.

Quellen und weiterführende Lektüre

Schneiers ursprüngliche Diskussion; Churchs Lösung und Verifikation; HistoCrypt-Studie zur homophonen Substitution; historische Analyse bei Live Science; Euronews zur Depesche.

Quellen

Tool-Verzeichnis ansehen →